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SI-Erlebniszentrum Stuttgart ...
Funkelnde Katzenaugen in den Ecken , ein sprechendes Kamel am Tisch -
19
Gastro-Konzepte Schlag auf Schlag
Frühstück im Times Square, Mittagessen bei Don Giovanni, später ein Stück
Sachertorte im Wiener Kaffeehaus, das Nachtmahl im Le Jardin und dann
auf ein
Guiness ins Dubliners. Das alles, ohne auch nur einmal mit dem Flugzeug
abzuheben - ja nicht mal den Fuß ins Freie zu setzen. Check in - ins
SI-Erlebniszentrum in Stuttgart.
Vor 10 Jahren war oberhalb von Stuttgart im Stadtteil Möhringen noch tote
Hose. Da
stand nach dem Motto "rechteckig, praktisch, gut", das "SI" - Stuttgart
International.
Ein Hotel mit dem Charme der 60er. In den 90ern ziemlich out, ziemlich
unrentabel
und dem Abriß nahe. Aber statt das SI abzureißen, haben die Schwaben noch
einiges dazu gebaut und ein SI-Erlebniszentrum draus gemacht. Heute locken
zwei
Musical-Theater, mehrere Hotel-Komplexe, ein 6000 qm großes Sauna- und
Vitalbad,
ein Filmpalast mit 6 Sälen, die Stuttgarter Spielbank und jede Menge Gastronomie
jährlich rund 3 Millionen Gäste nach Möhringen.
Eingänge ins SI-Erlebniszentrum gibt es viele. Aber egal. welchen man
nutzt, sobald
man eintritt, beginnt eine andere Welt und damit das Erlebnis. Im Foyer
des
Copthorne Hotels liegt bei unserem Besuch beispielsweise ein süßer Hauch
von
Schokolade in der Luft. Die Patisserie Lenôtre hat ihre Pralinenproduktion
kurzfristig
ausgelagert und zaubert zwischen einer Kakao- und Schokoladendekoration
ihre
Pralinenspezialitäten. Groß und Klein bleiben stehen, staunen, naschen,
versuchen
sich selber in der Kunst. Da kommt gute Laune auf und das liegt bestimmt
nicht nur
am Botenstoff Serotonin in der Schokolade. Wohin der auch Blick fällt,
überall ist
was los, überall gibt es was zu entdecken.
Die Entertainment- und Freizeitangebote im SI-Zentrum wollen wir in unserem
Bericht
einmal außen vor lassen - nur soviel: Es lohnt sich! Stattdessen wollen
wir uns die
Gastronomie anschauen. Wer sich in möglichst kurzer Zeit viele unterschiedliche
Konzepte anschauen möchte, ist hier genau richtig. In Stuttgart Möhringen
gehen 19
verschiedene Bar- und Restaurantkonzepte ineinander über. Von der bayerischen
Hausbrauerei mit Biergarten bis zum Sylter Fischmarkt, vom Wiener Kaffeehaus
bis
zum American Diner. Selbst bei einem längeren Aufenthalt, gibt es immer
noch ein
Restaurant, in dem man noch nicht gegessen hat.
Das Musical-Thema ist natürlich durchgängig in der ganzen Anlage anzutreffen.
Am
Marktplatz, einem offenen Restaurantbereich, wird z.B. unter einer Dekoration
aus
Spinnweben, Dohlen und Knoblauchketten gespeist. Doch das Non plus ultra
für die
Musikfreunde ist das "Stella Backstage" – ein Erlebnisrestaurant, das
auf zwei
Ebenen die verschiedenen Bühnen-Kulissen der Musicals nutzt.
Barrikaden-Stimmung herrscht zum Beispiel in der Abteilung "Les Miserables".
Bei
Entrecotee, Elsässer Weinkraut oder Ratatouille sitzen die Gäste wie in
der
berühmten Wirtshausszene an derben Holztischen und sinnieren über die
Liebe und
Revolution.
Wer ein Fan des Musicals "Joseph" ist, vergnügt sich auf gemaltem Wüstensand
zwischen schillernden Säulen und Pyramiden. Wer ganz allein an seinem
Tisch
hockt und sich nach Gesellschaft sehnt, kann sich mit dem sprechenden
Kamel
unterhalten. Die Küche verwöhnt in diesem Bereich des Stella Backstage
mit
arabischen Spezialitäten.
Ganz nach der Devise, "Der Starlight-Express" kommt, drehen in einem weiteren
Restaurant- Abschnitt Miniatureisenbahnen ihre Runden und die Sitze stammen
aus
ehemaligen Salonwagen der Deutschen Bundesbahn. Alte Fahrräder, Lampen
und
Reklameschilder sorgen für Schrott-Atmosphäre, während in den "Cats-Kulissen"
die
Augen der Miezen aus allen Ecken blinken.
Eine faszinierende Szenerie umgibt den Gast in allen Lokalen. Blauweiße
Fliesen im
Sylter Fischmarkt, ein riesiger Messing-Sudkessel und mit Rinderfell bezogene
Barhocker in der Hausbrauerei. Stuckarbeiten im Wiener Kaffeehaus. Im
Restaurant
Times Square stellt eine gewaltige Uhr das Thema der Oper "Die Zauberflöte"
optisch
und akustisch dar.
Aber nicht nur im Großen steckt Originalität, auch in vielen kleinen Dingen.
Wie z.B.
in den dreidimensionalen Weinkarten im Times Square. In das Deckblatt
ist ein
senkrecht durchgeschnittenes Weinglas eingearbeitet, mit Fuß, Stiel und
Kelch
samt Wein, der durch rotes Granulat dargestellt wird. Und statt der üblichen
langweiligen Kerzenhalter beleuchten kleine Straßenlaternen die Tische".
So
unglaublich es klingt, selbst der Gang zum Klo macht gute Laune. Denn
über der Tür
hängt ein Schild mit dem Spruch: "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die
Toilette
gefunden!" Das ist frech und paßt zu der Erlebnisstimmung der Besucher,
auch wenn
die Suche keine größere Aktion war.
Auf Schritt und Tritt stoppt und staunt man: "Ja Wahnsinn!" oder neudeutscher
"Ist ja
megacool!" Alles ist bis ins letzte Detail durchdacht und liebevoll umgesetzt
– selbst
die Chefs sind authentisch. Der Maitre im Le Jardin ist selbstverständlich
Franzose,
im Sylter Fischmarkt wird platt geschnackt, in der Weinstube geschwäbelt
und der
Wirt der Hausbrauerei ist ein waschechter Bayer.
Da stellt sich die Frage: Wie funktioniert das hier eigentlich? Sind das
lauter Wirte,
die sich eingepachtet haben? Oder steht dahinter ein riesiger Konzern?
Beides nicht.
Es sind mehrere Unternehmen, die sich die gewaltige Immobilie teilen.
Die
Muscial-Theater werden z.B. von Stella Entertainment betrieben, das Vitalbad
von
den "Schwaben Quellen". 17 von den insgesamt 19 Restaurants und Bars gehören
zum Copthorne Hotel. In deren Geschäftsbereich fallen darüber hinaus 2
Hotelgebäude mit 454 Zimmer und Suiten plus ein Konferenz-Centrum mit
17
unterschiedlichen Räumlichkeiten.
Zum Konzept gehört, daß ständig neue Ideen umgesetzt werden. In diese
Kategorie
paßt zum Beispiel "Das Mörderspiel" - eine Kombination aus Theater, Krimi
und
Dinner. Der Abend beginnt ganz harmlos bei einem Begrüßungscocktail. Auf
einmal
ein Schrei, ein Mord. Wer war es? Und was ist das Motiv? Rache, Eifersucht,
Erbschleicherei? Jeder Tisch bildet ein Team, folgt den Spuren und Finten,
befragt
Zeugen und verdächtigt erst mal jeden... Nach der Premiere dieses Detektiv-Dinners
im letzten Jahr gibt es auch 2001 wieder mehrere Termine für alle
Hobby-Sherlock-Holmes.
Innovativ ist auch die Idee, die Mitarbeiter aus dem Bankettbereich sowie
die
Direktorin mit Kick-Boards auszustatten. Schließlich sind die Wege weit
und eine
steuerlich absetzbare Kilometerpauschale für Fußgänger gibt es nicht "Durch
die
Kick-Boards sind wir noch schneller am Gast und treiben nebenbei ein bißchen
Ausgleichssport", lacht die Direktorin." Für die Gäste besteht jedoch
kein erhöhtes
Unfallrisiko. Die Kick-Boards werden vor allem im Bankettbereich eingesetzt,
also
tagsüber, bevor die Musicalfans, Kino- oder Spielbankbesucher in die Colonnaden
einbrechen.
"Einbrechen" ist durchaus das richtige Wort, um das Stoßgeschäft in den
Lokalen zu
umschreiben. Tagsüber sind die Restaurants durch Hotel- sowie Konferenz-
und
Tagungsgäste gut besucht, aber vor und nach den Musicals stehen die Gäste
auch
schon mal Schlange, bis ein Platz frei wird. Und etwa ein Stunde vor
Vorstellungsbeginn kommt der Zeitpunkt, wo die Panik ausbricht. Krieg
ich mein
Essen noch rechtzeitig? Komm ich nicht zu spät? Wo ist überhaupt die Bedienung?
"Natürlich schaffen sie es noch rechtzeitig ins Musical, das wissen wir
aus der
Erfahrung", so Marketingmitarbeiterin Carina Grüninger, "aber das glauben
die Gäste
erstmal nicht." Damit das Servicepersonal ruhig mit unruhigen Gästen umgehen
kann, wird es regelmäßig durch interne Schulungen fit gemacht. Der Erfolg
ist
spürbar: Selbst wenn es brummt und tobt, die Bedienungen sind ruhig und
freundlich.
Hektische Blicke nach rechts und links wo schon der nächste Gast nach
der
Rechnung schreit, gibt es nicht.
Die Philosophie bei Copthorne ist: "Wir sind alle Verkäufer!" Bei den
5 Tagen
Schulung, die jeder Mitarbeiter pro Jahr hat, wird deshalb nicht nur der
Umgang mit
Reklamationen vermittelt, sondern auch die Interaktion mit dem Gast trainiert.
"Mit
ein bißchen Menschenkenntnis und Interesse am Gast läßt sich bereits an
der
Körpersprache erkennen, wie er drauf ist", erklärt Frau Spieß, die Schulungsleiterin.
"Ob er kaufbereit ist, oder ob er in diesem Moment seine Ruhe haben möchte."
Den
müden Gast erkenne man zum Beispiel an folgenden Merkmalen: verknittert,
verschwitzt, sprachfaul, antwortet bei den sogenannten "W-Fragen" (waren
Sie schon
mal bei uns?) einsilbig und müde. Bei der Frage "Wie war die Anreise!"
stöhnt er
über Staus. "Der offene, "kauffreudige" Gast kommt dagegen mit einem Lächeln
rein,
hat eine dynamische Stimme und signalisiert durch Bemerkungen wie: tolles
Haus,
bei Euch ist was los! daß er gesprächsbereit ist und wissen möchte, was
ihm alles
geboten wird."
Wie gesagt, wer spannende Gastro-Konzept Schlag auf Schlag kennenlernen
will, ist
im SI-Erlebniszentrum genau richtig. Und erst nach dem Auschecken fällt
so
manchem Besucher auf, daß er von Stuttgart selber, außer dem Panoramablick
aus
dem Zimmerfenster, nichts gesehen hat.
Quelle:
www.gastronomie-report.de
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