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Sportboom nur Einbildung?

Wiener Freizeitforscher mit ernüchternden Ergebnissen zum Thema aktiver Sportkonsum

Sport ist in, Fitness boomt?
Zu solchen oder ähnlichen Schlussfolgerungen muss man kommen, wenn man die aktuelle Medienstimmung oberflächlich zusammenfasst. Grund genug für das Ludwig Boltzmann Institut für Freizeitforschung (LBI) in Wien, sich mit der Frage eingehender zu beschäftigen. Die Ergebnisse mögen viele doch einigermaßen überraschen. "Jubelmeldungen mancher Sportanbieter sind mehr Wunsch als Wirklichkeit, mehr PR- bzw. Werbestrategie als das Ergebnis seriöser Forschung", resümiert Institutsleiter Professor Peter Zellmann.

Über 15 Jahre hat sich die grundsätzliche Einstellung und Bereitschaft zum Sporttreiben kaum geändert: Ein Drittel der Bevölkerung kann dem Sport überhaupt nichts abgewinnen. Ein zweites Drittel steht den Sportangeboten zwar aufgeschlossen gegenüber, zu viel mehr als gelegentlichem Radfahren, Baden und Spazierengehen reichen Zeit und Entschlusskraft aber selten aus.

Vom letzten Drittel, das man mit Nachsicht aller Taxen insgesamt als "Sportler" bezeichnen kann, betreiben seit Jahrzehnten nur gut die Hälfte (ca. 22% der Gesamtbevölkerung) regelmäßig Sport.

Der Ausstieg aus dem Sport findet dort auf allen Ebenen statt und erfasst Vereine kommerzielle Anbieter gleichermaßen. Was die ausgeübten Sportarten betrifft, sind die sportlichen MitbürgerInnen sehr konservativ. Modewellen und so genannte Trends erreichen selten wirklich den Alltag der Sportler. Unverändert sind daher Radfahren (Mountainbiken), Laufen (Joggen), Wandern und Skifahren die Lieblingssportarten der ÖsterreicherInnen. Schwimmen darf in diesem Zusammenhang nicht mit gelegentlichem Besuch im Sommerbad verwechselt oder gleichgesetzt werden (Baden).

Manche Radfahrer werden "Bikern", einige, besonders junge Alpinskifahrer zu "Boardern" und ehemalige Skigymnastik zu "Aerobicern" in Fitnessstudios. In der Summe bleibt die Kirche im Dorf, was bedeutet: "Das Sportangebot entspricht und genügt den Bedürfnissen (Zellmann)." Dem so genannten "Fitnessboom" droht das Schicksal der Kino-Erlebniswelten. Ein vorausgesagtes Überangebot schafft mehr Probleme als Nutzen.

"Wellness" alle??? für tatsächliche Zuwächse am Sportsektor offensichtlich zu wenig Alternative zu den Angeboten aus den Bereichen der Medien-, Kino- und Open-Air-Kultur, der Shopping- und Beiselszene, und den Erlebnisangeboten in Freizeitparks, tropischen Badelandschaften und bei Kururlauben. Die massenhafte Ausbreitung von neuen Freizeitaktivitäten stößt mittlerweile an ganz natürliche Grenzen: Professor Zellmann: "Die Zeit-, Raum- und Geldbudgets der Menschen sind nicht beliebig erweiterbar. Wer im Internet surft, kann nicht gleichzeitig im Kino sein, im Fitnessstudio trainieren, im Wald laufen, gemütlich die Zeitung lesen, Kinder betreuen, ... geschweige denn auf dem Neusiedler See surfen."

Seit Mitte der 90er Jahre ist freilich ein steigendes Interesse an den Angeboten der Fitnessbranche nachzuweisen. Im Jahr 1994 haben 4 von 5 Personen "noch nie ein Fitnessstudio" betreten. In diesem Winter sank dieses Desinteresse auf 71%. Jeder zweite steigt allerdings wieder aus, der regelmäßige Besuch im Fitnesscenter ist bei der potentiellen Zielgruppe jedenfalls von 30% auf 25% zurückgegangen. 260.000 ÖsterreicherInnen sind also die wirklich verlässliche Kalkulationsbasis für die Fitness-Branche.

Frauen und Männer sind übrigens laut LBI-Studie gleich fitbewusst. Der Ausstieg erfolgt erst nach 60. Maturanten und Hochschulabsolventen sind dreimal so stark vertreten als andere Bevölkerungsgruppen. Singles sporteln doppelt so oft als Verheiratete. Leitende Angestellte, Beamte und berufstätige Frauen sind die Hauptzielgruppen der Studios. In Wien ist der Anteil mit 3% (knapp 50.000) unter dem Bevölkerungsdurchschnitt. Die fleißigsten Trainierer sind in Ober- und Westösterreich zu Hause. Die Häufigkeit des Besuches ist eindeutig zeitabhängig: Jungsenioren (50-64) kommen öfter als junge Erwachsene, Hausfrauen öfter als andere, Geschiedene doppelt so häufig als Verheiratete.

Die Studie wurde noch vor der breit angelegten ORF-Kampagne "leicht-er-leben" erstellt. "Kurzfristig rechne ich mit einer Zunahme im Sportbereich, bei den Vereinen und Studios mit etwa ein bis zwei Prozentpunkten Bevölkerungsanteil, das sind etwa 25% Steigerung im Vergleich mit den bisherigen Teilnehmerzahlen", so Zellmann.

Quelle: ÖGZ 13/2001